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Jahr: 2010
Bemerkung:
ArtikelNr. 04858
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Das Arbeiten auf dem Felde

Hallo! Mein Name ist Erwin. Ich bin ein Mensch! Aber das ist ja klar. Nur der Priester hat gesagt, ich solle jedem sagen, dass ich ein Mensch bin, denn es gibt Wesen, die aussehen wie Menschen aber in Wahheit vom Teufel gesandt wurden! Die Priester im Kloster sagen, ich solle immer beten, damit ich nicht so werde wie sie, aber wenn ich an Gott und den Heiland glaube, dann kann ich doch nicht zum Teufel übergehen. Aber ich glaube, das kann nur Jesus.
Die Priester im Kloster sagen auch, ich solle zu ihnen kommen, aber ich will kein Benediktiner werden.
Vater sagt, ich solle sein Erbe weiterführen. Wir können froh sein, keine Leibeigenen zu sein. Aber eigentlich wäre es mir schon lieber gewesen, wir wären in die Stadt gezogen. Doch ich sollte eigentlich stolz darauf sein, dass mein Vater freier Bauer ist.
Die Benediktiner haben mich mal wieder gedrängt, als ich heute Medizin für Thekla holen musste. „Erwin“, sagten sie. „Sag; wieso kommst du nicht zu uns Benediktinern? Bei uns hast du’s gut. Du kriegst genug zu essen, wirst mit Medizin versorgt und brauchst dich beim Grafen nicht zum Kriegsdienst melden. Was hälst du davon?“ Ich sagte, ich werde es mir überlegen, aber ich will kein Priester sein. Vater habe ich es noch nicht erzählt, ich habe Angst wie er darauf reagiert. Denn weg vom Hof will ich sowieso - ich will hinaus in die weiten Fernen... In die großen Städte und Paläste der Könige, ins Heilige Land in dem es prachtvolle Tiere und wunderbare goldene Städte gibt. Doch Vater hat etwas dagegen. Aber ich werde eines Tages hinausziehen in die weite Ferne und Abenteuer erleben, wie ein Ritter. Ja, das werde ich. Und zu den Benediktinern gehe ich nicht mehr, soll doch Balduin die Medizin für Thekla holen, der ist alt genug und soll von mir aus Benediktiner werden - er wird die Medizin sowieso holen, wenn er nicht will, dass Thekla verreckt.
Mutter ist auch krank. Ich glaube, sie hat das gleiche wie Thekla. Aber ich soll mir keine Sorgen machen. Vater sagt, auf dem Feld zu arbeiten ist sinnvoller, als sich mit Sorgen aufzuhalten.

Wir gehen bald wieder in die Stadt! Vater sagt, ich sei alt genug, um ihm beim Ein-und Ausladen des Karrens zu helfen, den Ochsen zu bespannen und den Marktstand aufzubauen! Endlich kann ich wieder in die Stadt. Am Markttag ist es dann soweit. Vielleicht werde ich dann, nach getaner Arbeit vom Kutschbock herrunter springen und in der Stadt ein neues Leben beginnen. Ich will unbedingt beim Schmied in die Lehre gehen. Meister Dietrich soll der beste der ganzen Stadt sein, das habe ich gehört. Und wenn’s da nichts wird dann gehe ich ins Bäckerviertel, die brauchen immer jemanden. Und ich verspreche euch, ich werde gehen!

Ich sitze auf dem Kutschbock. Wir fahren an einem angenehmen Maimorgen über die matschige Straße - viele andere Menschen sind auch auf ihr unterwegs. Alle wollen sie herüber zur Stadt. Ich kann ihren Kirchturm jetzt schon sehen und kann es kaum erwarten endlich in die Stadt zu kommen und Vater zu helfen. Ein ziemlich hochnäsiger Händler mit vielen Waren beladen versucht sich mit Flüchen an uns vorbeizudrängen. „Respektloser Dudelfurz!“, rufe ich ihm zu, da verstummt er.
Jetzt kommen wir den Hügel herunter. Da ist sie, die Stadt. Das Tor ist offen und durch das Tor drängen sich die Kutschen, Karren, Fuhrwerke, Bauern mit ihren Obstsäcken und alle anderen, die einen Weg in die und aus der Stadt heraus suchen. Vor dem Tor steht ein Galgen, an dem aber niemand hängt. Zwei Wachen mit langen Hellebanden hocken am Baum und lassen jeden passieren -sie machen ihre Arbeit ziemlich gut. Und schon geht es rein in die Stadt. Ich bin fasziniert von den vielen Häusern, die sich aneinander reihen. Überall laufen Menschen, es herrscht reges Treiben. Wir fahren eine Weile die Hauptstraße entlang, bis wir zum Marktplatz kommen. Er ist voller Stände und Kutschen. Einige Händler preisen schon ihre Waren und bieten sie feil. Wir bauen die Stände auf.
Da kommt er. Ein Junge. Schlicht bekleidet mit Lumpen. Er ist ein wenig älter als ich. Und hat schwarze Haare. Ich starre ihn an. Der Junge schaut sich bei den aufgebauten Ständen um. Da passiert es. Schnell greift er nach dem Geldbeutel eines reichen Händlers, der im Inbegriff ist, seinen Stand aufzubauen ist. Ich lasse alles stehen und liegen und renne so schnell ich kann. Ich bin der schnellste Renner aus meinem Dorf und so habe ich ihn schon bald überholt, denn ich habe ihn nie aus den Augen verloren. Ich stürze mich auf ihn. Ich packe ihn und schmeiße ihn auf den Boden. Dann neheme ich ihn in den Schwitzkasten. „Gib das sofort her!“, presse ich heraus. Der Junge sagt nichts. Er stinkt ganz entsetzlich und sieht auch sonst nicht gut aus. Schließlich lässt er den Beutel los. Ich nehme ihn ihm ab. Dann blickt er auf und der Scham steht dem Jungen deutlich in die Augen geschrieben. Ich winke mit dem Kopf, dass wir zurück zum Markplatz gehen, aber der Junge weicht erschrocken zurück und sagt: „Nein, alles nur das nicht!“ „Doch, gar nichts und das schon!“, sage ich. „Wieso siehst du so schlecht aus? Was ist mit dir passiert?“, fragte ich ihn. Der Junge blickt beschämt zu Boden. „Sag schon.“, dränge ich. „Ich bin von zu Hause weggelaufen. Mein Vater war ein freier Bauer. Meine Mutter starb an den Masern, genauso wie meine Schwester. Was mit meinem Vater ist, weiß ich nicht. Ich lief vor zwei Jahren, als Markttag war, weg. Mein Vater musste ohne mich nach Hause fahren. Jetzt weiß er nicht, wo ich bin. Vielleicht ist er auch schon tot. Es war das törichste was ich machen konnte. Jetzt lebe ich bei den Halsabschneidern, Gaunern und Taschendieben, die die Leute um ihre Besitztümer bringen. Und das alles nur, weil ich dachte, ich könnte Schmied werden oder so etwas. Natürlich wurde ich nicht aufgenommen. Mir fehlte das Talent und die Kraft. Ich war ein Nichts, bis sie mich aufnahmen. Ich war sogar dabei, wie sie einen reichen Händler ermordeten. Pass nur auf, dass du auch nicht den selben Fehler wie ich machst und so endest wie ich - in der Gosse bei Bettlern und Banditen, obwohl du am Hof deines Vater leben könntest und auf dem Feld arbeiten könntest. Denn manchmal fühlst du deine Bestimmung, so wie ich meine fühle. Meine Bestimmung ist das Arbeiten auf dem Felde..“

Ich hörte gespannt zu. Dann wird mir plötzlich ganz flau im Magen. Diese Umstände, die Wünsche...alles genauso wie bei mir! Jetzt wird mir eins klar: Von zuhause wegrennen, das werde ich nicht! Ich bleibe lieber zuhause und arbeite auf dem Feld, bis Vater stirbt. Ich gebe dem Jungen den Geldbeutel zurück. Ohne ein Dankeschön nickt er mir zu und dreht sich um, dann verschwindet er in einer der Gassen. Der dickleibeige Händler kommt zu mir gelaufen und sagt: „Und, hast du ihn?“ Die Frage ist töricht und ich verneine. Der Händler schaut betrübt und missmutig drein, dann geht er weg. Ich schlage mir die Träume vom Schmieddasein schnell auf dem Kopf - so enden wie der will ich nicht. Ich gehe zurück zum Stand, wo Vater schon die Waren feilbietet und preist. Ohne ein Wort gehe ich zu ihm und helfe ihm.

Jetzt war das Ganze schon ein Jahr her. Jetzt ist alles anders. Alles. Thekla und Mutter sind jetzt bei Gott. Balduin ist Knecht bei irgendeiner Herberge und Vater hat uns nach dem Tod von Mutter verlassen. Am morgen war er nicht mehr auf dem Hof. Er hat alles zurückgelassen, sogar die Ziege, das teuerste, was er überhaupt besaß. Ich wusste, dass ich den Hof nicht leiten könne, deshalb habe ich ihn verkauft. Ich bin jetzt Benediktiner. Das Geld spendete ich einem guten Zweck. Alles ist nun anders. Doch es geht mir besser. Ich stelle nun mein Leben in die Dienste von Gott. Nur er weiß, was nun geschehen wird: Doch ich muss immer wieder an diesen Jungen denken. Ich bin froh, den Pfad Gottes gewählt zu haben. Vielleicht hat Vater uns auch deshalb verlassen. Doch ich bin froh, den Jungen getroffen zu haben. Ich werde nicht so enden.

Ich werde Mönch. Ich werde Tag und Nacht beten. Aber das ist immerhin noch besser, als das Arbeiten auf dem Felde.

[Autor: Leonhard Hugger, geb. 1997]

 


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