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Jahr: 2010
Bemerkung:
ArtikelNr. 04884
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Eine Lügengeschichte

Nun zu allererst: Wer glaubt, dass das hier eine Lügengeschichte ist, der soll sich gleich sagen lassen, dass dies keine ist. Also lehnt euch zurück und öffnet euren Geist.

Mein Name ist Henry V. Henry V of Lancaster. Ich weiß eigentlich nicht, wie ich wirklich heiße aber so steht es in meinem Pass und beim Einwohnermeldeamt bin ich mit diesem Namen gemeldet. Die Frau vom Einwohnermeldeamt war nämlich auf Droge und hat sich gerade davor einen Film namens Henry V. angeguckt und der Name hat ihr so gut gefallen, dass sie mich so genannt hat. Ich bin König Henry, der Earl von Chester, der Duke von Aquitanien, der Lord von Irland und durch Gottes Gnaden König von England. Und so steht es auch in meinem Pass. So heiße ich. Das erste verrückte Ereignis das mir zustieß war, dass ich dreimal getauft wurde. Einmal sittlich in der Kirche, in der ich sogar fürs Leben schwimmen lernte, denn der Pater hatte sich offenbar in meiner Größe verschätzt und hatte einen riesigen Waschzuber in die Kirche gnommen, in der ich schwimmen lernte. Aber genug davon. Als mich der Priester an meinem Bein aus dem Taufwasser ziehen wollte, glitt ich ihm aus der Hand. Ich war so nass, dass ich auf dem glatten Kirchboden bis zur Kirchtür entlangrollte, die sich durch meine Schwungkraft öffnete, als ich sie rammte und rollte hinaus, mitten in eine große dreckige Pfütze. Danach wurde ich gewaschen. Im Wein. Denn natürlich ist man nach einem Tauffest angetrunken. Und so vergass jeder, dass der Wein, den sie für Wasser hielten eigentlich Wein war. Deshalb rieche ich noch heute nach burgundischem Wein, denn der Wein blieb an meiner Haut haften. Nach einigen Jahren sagte meine Mutter, ich sei alt genug, in die Welt hinauszuziehen.

Wie dem auch sei machte ich mein Glück. Das erste was ich vorhatte war eine Pilgerfahrt nach Santiago, weil ich dort endlich meinen Weingeruch wegbekommen wollte. Als ich mich allerdings entleeren wollte, verlor ich den Anschluss und ging in Richtung Normandie. Und nein - dort habe ich keine Armee landen sehen. Jedenfalls stand dort eine Kanone, von woher jene war, weiß ich nicht. Als ich sie mir nun genauer besah, merkte ich nicht, dass sich ein Faden meiner Kleidung an der Kanone verfangen hatte. Als ich nun zum Strand ging, schoss die Kanone. Und die Kugel flog unter meinen Beinen hindurch, genauso wie bei Münchhausen, aber mir ist das WIRKLICH passiert! Die Kanone brachte mich durch viele lange Böen bis nach London, bis zum Palast der gesegneten Königin, die ich wortwörtlich vom Thron stieß. Ihre Krone flog auf meinen Kopf und so wurde ich König Henry, der Earl von Chester, der Duke von Aquitanien, der Lord von Irland und durch Gottes Gnaden König von England. Und so heiße ich ja schließlich.
Das erste was ich tat, war nach Frankreich zu gehen, weil die Priester mir gesagt hatten, dass ich der König von Frankreich sei und weil der Dauphin mir Tennisbälle geschickt hatte. Natürlich wollte ich unbedingt mit ihm Tennis spielen. Auch machte es mir keinen Spaß König zu sein, aber immerhin folgten mir 12.000 Mann (wozu frage ich mich immernoch, denn ich wollte doch nur Tennis spielen), allesamt bewaffnet. Die Hälfte bestand aus Bogenschützen. Jedenfalls wollte ich in einer Stadt namens Harfleur einen Freund besuchen gehen, sie ließen mich aber nicht rein und so eroberte ich die Stadt mit meinen 12.000 Leuten, die auch mit zum Tennisspielen gekommen waren, doch nur die Hälfte verließ Harfleur wieder. Nachdem ich meinem Freund Hallo gesagt hatte und wir uns kurz unterhalten hatten ging ich (und die Leute, die hinter mir heritten) weiter. Doch leider trafen wir nirgends den Dauphin.

Dann fanden wir ihn. Wir kamen zu einem schlammigen Acker in der Nähe einer Burg, deren Name Azincourt war. Gegenüber lagen 30.000 Franzosen. Ich sah tausende von Waffen und Rüstungen, aber Dauphin war nirgends zu sehen. Was sollte denn jetzt das? Er wollte doch Tennis spielen! Vielleicht sollte es ein Massentennis werden! Aber da wären wir ja stark unterlegen. Stattdessen zogen sie gegen uns. Mehr habe ich nicht miterlebt. Denn ein Haufen Burgunder schlug sich zu mir durch, packte mich und schleppte mich mit. Inzwischen waren auf dem Schlachtfeld überall Moderatoren, Journalisten und Kameras. Die Burgunder schleppten mich bis nach Burgund. Und in Burgund rochen alle Leute so wie ich! Und da wusste ich es. Ich war Burgunder. Und seitdem lebe ich in Burgund als ihr Herzog namens Johann Ohnefrucht. Und mein Vater zog zur Arktis um einen Schneemann zu bauen. Meine Mutter war sauer.

Und alles was ich geschrieben habe ist nicht nicht gelogen.

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS