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Jahr: 1877-1930
Bemerkung:
ArtikelNr. 10100

 

E-Mail

Braille Schreibmaschine, Briefe Eugenie Pauly, Zithervirtuosin, München 1877-1930

Konvolut zu (der früh erblindeten) Eugenie (Jenny) Pauly, verh. Bayersdorfer, München ca. 1877 bis 1930. Braille-Schreibmaschine, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe.

Urheberin ist Eugenie (Jenny) Pauly (geb. ca. 1846, gest. 22.4.1934). Ihr Bruder ist der Zoologe August Pauly. Eugenie war eine erfolgreiche Musikerin und ernährte nach Auskunft ihrer Nachkommen bis ca. 1885 die Familie. Sie lernte 1868 den Adolf Bayersdorf kennen, 1869 scheinen die beiden zusammengekommen zu sein, geheiratet wurde indes erst 1880. Mindestens ein Kind (Wilhelm, Willy, geb. 1883) hatte das Paar. Adolf starb 1901. Eugenie's Sehkraft hatte schon um 1900 stark nachgelassen. Ab ca. 1919 lebte Eugenie zusammen mit Ihrer Schwiegertochter Friedhilde, die 1919 Willy (der 1919 an einer Sepsis starb) geheiratet hatte. Veronika, Friedhildes einziges Kind, kam 1920 zur Welt. So lebten dann 3 Frauen aus 3 Generationen in einer Wohnung in der Adalberstraße 64 in München.


- 2 Bücher, je Schulpreis der St.-Ludwigspf.-Schule [St.-Ludwigs-Pfarr-Schule, später Amalienschule] München für Eugenie Pauly, 1855 und 1857 (Vorderdeckel je lose).
- Blatt mit 10 ausgemalten Freundschafts-Bildtafeln, um 1855. Oben handschr.: “Gemalt von Eugenie Pauly in ihren Kinderjahren”.
- Kleinplakat, wohl Nizza um 1875. “Nouveau Salon de la Pension Milliet .. Grand Concert donné par la Violoniste Charles Carré et Mme Sophie Carré, avec le concours de Mlle Eugénie Pauly, Cithariste, M. Francois Gnone du Théatre Italien de Paris......”
- 2 Blatt eines handschr. Briefes (wovon eines beschrieben), die ersten Blatt fehlen. Wohl Nizza um 1875. Jenny schreibt wohl an Familienangehörige. “Ihr scheint meine Briefe nicht mit besonderer Aufmerksamkeit zu gelesen zu haben, sonst müßtet ihr wissen, daß außer mir doch drei da sind, die Unterricht ertheilen wollen … Wenn sie mir auch für die Lectionen Concurrenz machen, so … ich nicht darnach, um Stunden reiße ich mich ohnehin nicht viel und für Soiréen schaden sie mir nicht, weil sie auf keine zehn Meilen in die Cirkel können, in denen ich mich bewege. Ich werde von allen Seiten auf ganz ungewöhnliche Weise protegiert.... Ich gelte überall als Deutsche. … Man haßt auch, soviel die Baronin sagt, nur die Preußen gar so sehr.... Das Instrument ist hier nur allenthalben bekannt. ….”
- 3 Briefe der “Eugénie” an den Adolph, Mai und Juli 1869. Dazu 3 Informationszettel, ebenso Sommer 1869. 12.5.: “Erwarte Sie heute Abend 7 Uhr Schwabingerstraße in der Nähe der Kriegsschule. E.” 13.7.: “Lieber Adolph, Erwarte Sie heute Abend 7 Uhr an unserem gewöhnlichen Platze. Ihre Eugénie”. 22.7.: “Ich habe recht Sehnsucht nach Ihnen, lieber Adolph, denken Sie denn auch manchmal an mich?”
- 2 Briefe der “Loly” an die “Jenny”, Berlin 1871 und Neisse 1877. 4.11.1871: “Der Prinz ist auch recht böse, daß Du nur ein Bild geschickt hast …. Er hat mich schon wieder verlaßen u. ist nach Petersburg gereist, auf eine Einladung des Kaisers..... Ist denn die geliebte Zither wieder in Ehren angenommen? Ich freue mich sehr, … daß Du dir wenigstens so viel verdienen kannst um deine Toilette zu bestreiten, leider aber höre ich, daß der Fürst Hohenlohe noch immer in Berlin ist. Jedenfalls … [unles. reicht es?], wenn er erst wieder in München ist, bei ihm zu spielen. … Ehe mein Kraft abreiste, mußte er mir noch eimal deine Phantasie vorspielen.... ” 26.10.1877: “Fast glaubte ich schon, Du hättest mich vergessen im Troubel von Paris.” Der Privatdruck (S. 196) zitiert den Brief (bei tuduv fehlt er) und erhellt, dass es sich hier um Luise Thiem handelt, die 1880 (“nach mindestens zehnjährigen inoffiziellem Zusammenleben”) den Prinzen Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen heiratete.
- Versandtasche, angelegt von Käss. Enthalten ca. 30 Briefe der Johanna Pauly an ihre Tochter Eugenie Pauly, München 1877-1894. Beiliegend mehrere von Käss um 1984 geschriebener Zettel mit knappen Inhaltsbeschreibungen und einer Zählung der Briefe (die handschr. von Käss nummeriert wurden).
- Dienstboten-Liste 1880-1921. Hier hat auf ca. 20 Blatt Eugenie ca. 60 (!!) Köchinnen und Kindermädchen namentlich aufgeführt und bewertet, die im Haushalt B. von 1880 bis 1906 tätig waren. Von 1906 bis 1920 blieb dann endlich lange eine Köchin, nämlich Babette Strobl aus Rosenberg bei Sulzbach.
- ca. 50 Briefe und Postkarten der Eugenie an den Sohn Willy, 1906-1909. Beiliegend mehrere von Käss um 1984 geschriebene Zettel mit knappen Inhaltsbeschreibungen und einer Zählung der Briefe (die handschr. von Käss nummeriert wurden).
- 3 AK des Willy an die Mutter, 1902, 1906, 1907.
- Brief der Eugenie an ihre Schwiegertochter Friedhilde, 16.3.1919. Sie freut sich sehr auf ein Zusammenleben.
- 2 Pappdeckel, eingeschoben einmal ca. 300 von Hand beschriebene Blatt, einmal mehrere Versandtaschen um 1980 mit zahlreichen eingeschobenen losen Blatt. Teils möglicherweise ungeordnet. Es handelt sich um Jenny's Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1921, 1922, 1922-1923, ab 1930. 1921-1923 geht es meist um Veronika, “Vronele”, die 1920 geborene Enkelin der Eugenie.
- Schnell-Schreibmaschine für die Braille'sche Punktschrift der Blinden, O. Picht, Blindenlehrer, Berlin-Steglitz (in originaler Holzkiste, innen Werbeblatt “Georg Martin München Theresienstr.36 … Spezial-Reparatur-Werkstätte für Schreib- und Büromaschinen … Schreibmaschinenvertrieb”). Maschine mit Aufdruck “Schreibmaschine für Punktschrift System Picht”. Funktionsweise nicht getestet!

Siegfried Käss, Veronikas späterer Ehemann, schrieb ein Buch über Bayersdorfer: Die erste Fassung erschien im Privatdruck unter dem Titel “Die Mappe unseres Großvaters, Adolf Bayersdorfer, seine Freunde, seine Zeit” (Stockdorf / Gauting um 1985). 1987 erschien dann eine leicht gekürzte Buchhandelsausgabe im Tuduv Verlag zu München unter dem Titel “Der heimliche Kaiser der Kunst, Adolf Bayersdorfer und seine Zeit”. Vorliegendes Konvolut hatte Siegfried Käss gelesen und geordnet, als er in den 1980ern das Buch schrieb. Im tuduv-Buch (“Der heimliche Kaiser”) wird von auf etlichen Seiten (u.a. S. 268 bis 275) aus den Texten zitiert, im Privatdruck deutlich ausgiebiger (u.a. auf St. 353-365). Zu Jenny's Blindheit schreibt er: “Sie konnte nichts lesen und benötigte zum Schreiben einen Apparat für Blinde. … Bei hellem Tageslicht sah sie … etwas besser” (Käss, Privatdruck um 1985, S. 354). Zu Jennys Zitherspiel (S. 145 tuduv): “Jenny bildete sich als Zitherspielerin aus. Ihr Lehrer war der Zithervirtuose Petzmayer. … Er war es wohl, der seiner Schülerin den Zugang zu Adelshäusern und zum bayerischen Königshof verschaffte. Sie [Jenny] schreibt später [wo?], sie habe 1875 auf ihre Konzertreise nach Nizza 13 Empfehlungsschreiben mitbekommen, die ihr viel halfen. …. Durch Adolphs Briefe [die in den 1990ern von der Familie verkauft worden waren] wissen wir, daß sie spätestens im Frühling 1876 als Gesellschafterin einer Marquise in Paris ist.” Wo sie wohl bis 1879 bleibt.
Zu den Briefen an Sohn Willy (tuduv S. 268-269 und Privatdruck S. 353-365, hier 355): “Ihr eigentlicher Lebensinhalt war jetzt die Fürsorge für den Sohn. …. Ein paar Proben [aus den Briefen] ...: Du solltest Deinen Kopf unbedingt wenigstens alle drei Wochen beim Friseur waschen lassen.” .... Eine der Ermahnungen ist deshalb hervorzuheben, weil hier Frau B. die einzige Bemerkung über ihren Mann macht, von der ich weiß. ….: “Das späte Heimgehen hat sehr üble Folgen für das ganze Leben. Das war das Unglück deines Vaters. Er hätte sicher weit mehr leisten können, wenn nicht immer der halbe Tag mit Ausruhen vom nächtlichen Ausbleiben verbraucht worden wäre.” Was mit “Ausbleiben” gemeint ist, bleibt unklar. Käss vermutet die “abendliche Malerrunde”. Ich vermute den regelmäßig abends und nachts konsumierten Alkohol.


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