Vivarium
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| Jahr: |
1936-1945 |
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10106 |
E-Mail
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SIEGFRIED K., Feldpost 1939-1945. Konvolut von ca. 60 Schreiben des Soldaten von der Front an die Heimat und ca. 25 Schreiben der Heimat an die Front
Konvolut von ca. 100 Ansichtskarten und Briefen (nur vereinzelt mit Umschlag), aus einem Nachlass. Erhalten sind Schreiben des Soldaten Siegfried von 1939 bis 1944 (dabei wenige Schreiben vor 1939) und Schreiben der Familie an den Soldaten.
(1936 9, 1937 3, 1938 5, 1940 22, 1941 16, 1942 3, 1943 2, 1944 2, 4 undatiert). Beiliegend der Studentenausweis des S. (“Ausweiskarte, Mitglied der Deutschen Studentenschaft”), ausgestellt 1936 an der LMU München, S. studiert Jura. Dazu eine Hochzeitskarte (er heiratet am 18.10.1947).
Siegfried kam am 18.1.1916 in Regensburg zur Welt und zog spätestens 1936 mit der Familie nach München. Er wird 1937 eingezogen und bleibt bis 1945 Soldat. Am 5.7.1940 ist er Leutnant, am 31.10.1942 Oberleutnant und 1944 Hauptmann. Wann genau er jeweils befördert wurde, bleibt unklar.
Er war eingesetzt im Westfeldzug, dann als Besatzungssoldat in Frankreich, ab 1941 in Rußland. 1944 nimmt er an der Adennenoffensive teil. Im Frühling 1945 lässt er sich (laut Angaben seiner Tochter) freiwillig mit seinen jungen Soldaten von US-amerikanischen Truppen gefangennehmen. Verwundet war er mindestens 2 mal.
Er gehörte (diversen?) Infanterie-Regimentern an, 1944 war er dann Hauptmann in der 167. Volksgrenadier-Division. (Angaben nach Auskunft der Familie und nach Angaben aus den Feldpostbriefen.)
Seine Heimkompanie scheint in Ingolstadt stationiert gewesen zu sein und firmiert 1939 “Infanterie Panzer Abwehr Kompanie, Ingolstadt, Max-Emanuel-Kaserne”. Seine Feldpostnummer 1939 (01637) verweist auf das Infanterie-Regiment 320, das der 212. ID angehörte. Anfang Februar 1941 lautet die Feldpostnummer 09322 (Artillerie-Regiment 1712?), Ende des Monats 04120 (IR 217), Ende Mai 1941 09763B, am 29.6. wieder 01637 (ein Fehler des S.?), am 9.8.1941 09763A. Am 31.10.1942 ist er Oberleutnant, 09763C. Im Dezember 1944 lautet die Nummer 66039A, dies verweist auf die 167. Volksgrenadier-Division.
Siegfried schreibt den Eltern und seiner (späteren) Ehefrau.
1936 unternimmt S. im Sommer eine Reise nach Pojana Micului nahe Gura Humarului in Rumänien. “Ich wohne bei Pfarrer Preaban. …. Das Dorf liegt am Ende eines engen Tales, ist von Böhmerwäldlern, Slowaken und etwas Polen bewohnt … die alle 1842 eingewandert sind, hat 2000 Einwohner aber kein Geschäft, kein Wirtshaus..., also ein wunderbares Stück Vergangenheit. Alle sind katholisch, die Deutschen sprechen noch den böhmischen Dialekt, singen am Abend.... und tanzen sehr gerne. …”
Am 6.7.1937 schreibt er aus dem Lager Grafenwöhr: “Bis jetzt ist es halb so schlimm, vieles sogar sehr nett.”
Am 30.8.1939 ist er im Lager Döberitz und schreibt seinen Rang und die Truppenzugehörigkeit. Er ist Feldwebel der Reserve, 14. Panzer-Abwehr-Kompanie Offiziersanwärter auf “R[O]A Lehrgang III”.
Am 2.11.1939 ist er in Baumholder. 5.11.: “Hier ist es fast wie im Sudetenland vor einem Jahr … wenn man den dunken Hintergrund übersieht. Im Wesentlichen betätigt sich nur die beiderseitige Artillerie.”
Am 22.5.1940 schreibt er aus Weißkirchen bei Trier: “Wir haben einen gewaltigen Sprung nach Norden gemacht und werden wohl in den nächsten Tagen eingesetzt. … Ich wage es kaum zu behaupten, daß ich mich darauf freue, … aber...”
15.6.: “Seit 2 Tagen gehts nach Süden. Da war manchens … zu sehen und zu erleben, aber man gewöhnt sich sehr rasch an alles. Wir selbst haben noch nicht eingegriffen und werden es wohl auch nicht mehr tun. … Wie wir soeben hören, ist der Feldzug aus.”
5.7.: “Wir … müssen Gefangene bewachen”.
26.6.1941, z.Zt. Knurow bei Gleiwitz.
27.7.[o.J. 1941]: “Wir haben am ersten Tag die Grenze überschritten. Ich war zunächst Zugführer einer Schützenkompanie und habe mich 4 Wochen lang nur per pedes bewegt... Wir haben einige spannende Einsätze erlebt … Seit einiger Zeit ich in Vertretung Bataillonsadjutant und deshalb beritten.”
6.8.1941: “Im Augenblick ist es sehr ruhig und gemütlich, morgen geht es wohl weiter.”
9.8.1941: “Inzwischen hat das Regiment einen schönen Erfolg gehabt. Jetzt ist es weder ruhiger.”
13.1.1942: “In Charkow haben wir noch schöne, unwahrscheinlich schöne Tage erlebt. .. Jetzt leben wir wie jeder andere Infanterist im Osten. Ich glaube aber, daß der Höhepunkt bald überwunden ist.”
10.10.(o.J. 1942?): “Die Karte von Charkow werdet ihr bekommen haben. Die Herfahrt hat recht lang gedauert, sodaß ich erst gestern angekommen bin. Hier habe ich wider Erwarten alles in bester Ordnung angetroffen. Die bekannten schweren Angriffe sind glatt abgewehrt worden und auch das Artilleriefeuer hat sehr geringe Verluste verursacht. ...”
31.10.1942: “In wenigen Tagen werde ich auch darangehen, meine Winterwohnung zu bauen, ein richtiges Zimmer von 4x2.5m und 2m Höhe, unter der Erde, aber mit Fenster...”
13.2. [o.J., 1943?], Pulawy: “Ich habe in dem großen Tohuwabohu einen Schuß in den linken Oberarm bekommen und bin … im letzten Augenblick durch eine Ju52 nach Charkow entführt worden. Es war ein großer Augenblick als die Ju über das Schneefeld heranrollte. ...”
15.12.1944: “Bei einigen Übungen kam ich auf die Höhen und da mußte ich wieder gelegentlich meine sachlichen Bemerkungen unterbrechen und meine erstaunten Offiziere auf die unbeschreibliche Stimmung hinweisen, die auf den von Wolken tief verhangenen Bergen und Tälern lag, während das Licht der Sonne.....”
30.12.1944: “Ich bin als Oberzahlmeister bei Herrn Hauptmann Käss eingeteilt... Will ich Ihnen meitteilen, daß sich Herr Hauptmann Käss bester Gesundheit erfreut und mit seiner Truppe am Marsch ist.”
Bemerkenswerterweise haben sich mündliche Aussagen des Siegfried über seine Kriegszeit erhalten, da er 1945 für kurze Zeit im US-Kriegsgefangenenlager Fort Hunt bei Washington untergebracht war. In diesem Lager wurden von 1942 bis 1945 über versteckte Mikrophone die Gespräche von ca. 3450 deutschen Soldaten abgehört und partiell schriftlich festgehalten. 102.000 Seiten Material (darunter 40.000 Seiten Abhörprotokolle) haben sich in den “National Archives” in Washington erhalten. Der deutsche Historiker Felix Römer hat erstmals diese Bestände analysiert und 2012 darüber ein Buch publiziert: “Kameraden, die Wehrmacht von innen”.
Am 30.4.1945 belauschte man Siegfrieds Gespräch mit einem unbekannten Kameraden. Römer zitiert ihn zweimal. S. 162: “Mir hat es doch Freude gemacht, erst eine Kompanie und dann ein Bataillon [zu führen] – und das viele Gute zu sehen, was doch da von Männern geweckt wird, die Aufopferung, das war alles an sich gut, aber … wofür? Die Kameradschaft, das war wirklich doch, [das] Ideale, doch positive. Ich habe zuletzt viele 18- und sogar 17-jährige Burschen gehabt. Prächtige Burschen, und da war es doch ein Jammer zu sehen, wie die zusammengemördert worden sind.” Und auf S. 447: “Die Ausmerzung der Juden, die ich insofern erkannte, als da ein Plakat angeschlagen war, 'Alle Juden haben sich bis dann und dann im Ostteil der Stadt einzufinden, von wo aus sie geschlossen übersiedelt werden.' Dann sind sie an uns vorübergezogen, Hals über Kopf, es sind so etwa 40.000 gewesen in Charkow. Und dann haben unter Aufsicht von uns, von Leute unseres Bataillons, Russen von Charkow riesige Löcher graben müssen. Also, der Zusammenhang war klar. Mehr habe ich nicht erfahren, aber es war mir klar... Und da hat es mir den ersten ganz schweren Schock gegeben. Das war '41.”
Auch ca. 25 Briefe und Karten der Gegenüberlieferung sind erhalten, nämlich Sendungen, welche die Familie und die (in Stockdorf bei München lebende) spätere Gattin an Siegfried schrieben. (1939 2, 1940 3, 1941 6, 1942 1, 1943 2, 1944 2, 1945 1, undat 10).
12.3.1943 (es schreibt Vroni, die spätere Ehefrau): “... [Ernst] Jünger ist im letzten ein Täter, [Hans] Carossa ein Beschauer, die gegensätzlichsten Menschenarten, die es geben mag. … Carossa lebt aus einem Lebensgefühl der Vergangenheit. Jünger ist dagegen immer gegenständlichste Gegenwart, so daß man oft ersschrickt und einem schlagartig ganz neue Erkenntnisse über unsere Zeit aufgehen. Vor allem bei dem phantastischen Capriccio 'Auf den Marmorklippen' ists mir so gegangen. Außer seinem großen Weltkriegsroman 'In Stahlgewittern' hab ich nun alles von ihm gelesen. ... Jedenfalls halt ich den Jünger, wenn er einem auch nicht immer sympathisch ist und manches auszusetzen ist, für eine der bedeutendsten Erscheinungen unserer Zeit. … Seit dem 9. ist unser liebes München sehr verändert. Du wirst dich verwundern, wenn Du das 1. Mal die Ludwigstraße hinuntergehst. .. Das Archiv macht natürlich zu, wenn es auch, als im rechten Erdgeschoß der Staatsbibliothek gelegen nicht unmittelbar durch Feuer, wohl aber durch Wasser betroffen ist. Die linke Seite ist ganz durchgebrannt, die geretteten Bücher liegen in der Ludwigskirche, die ziemlich heil ist. In der Uni ist der kleine Flügel hinten beim Klass. Seminar, in dem der große physikalische Hörsaal war, total abgebrannt, da hats gestern noch gequalmt. In Bogenhausen und Stockdorf ist gar nichts passiert. Dafür ist Pasing sehr mitgenommen. Zugverkehr ist so gut wie keiner, ich erlebe die reinsten Odysseefahrten bei meinen täglichen Reisen hinaus und herein (auf Zementautos, mit der Paketpost, mit Flak usw.). In den Hörsäälen ists kalt, weil die Fenster fehlen. …. Unter diesen Umständen werden wir vielleicht noch früher eingezogen, als geglaubt war. Ich sehe schon kommen, wenn Du als Genesling nach München kommst, reis ich vielleicht grad als Blitzmädchen nach Narvik, Paris, Athen od. Smolensk ab. ….”
4.7.1944 [Mutter:] “... Heute kam deine Avv. [?] und wir können Dir den ersten Gruß ins Lazarett schicken. Warst Du nicht wieder behütet? Was hätte alles sein können. … Von der Verwundung schreibst Du gar nichts Näheres.”
5.8.[undat., 1944?]: “... Jetzt warte ich auf Nachricht, wie es mit der Entfernung des Splitters gegangen ist. ...”
18.1.1945 [Vroni:] “... In meiner Fabrik gefällts mir ganz gut. Ich muß von 7.15 bis 12.30 arbeiten. ...”
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