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Jahr: ab 1934
Bemerkung:
ArtikelNr. 9596

 

E-Mail

Kleines Konvolut zum NS-Mediziner und Psychiater Maximinian de Crinis, 1938-1945 Direktor der Nervenklinik der Charité zu Berlin. Das Konvolut entstammt dem Nachlass des Sohnes von Professor Alfred G., eines Freundes des de Crinis. C. war maßgeblich beteiligt an der Euthanasie-Aktion „Gnadentod“, bei der von 1939-1941 ca. 70.000 Menschen ermordet wurden.

Max de Crinis, geboren 29.5.1889 in Ehrenhauen bei Graz, gestorben am 2.5.1945 in Stahnsdorf bei Berlin, promovierte 1912 an der Universitäts-Nervenklinik Graz. 1931 wurde er NSDAP-Mitglied, 1934 ernannte man ihn zum Direktor der Universitäts-Nervenklinik Köln, wo er wohl Professor G. kennenlernte, den damaligen Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenleiden. 1936 wurde er Mitglied der Allgemeinen SS, 1938 erhielt er das Ordinariat und die Direktion der Nervenklinik der Charité. 1939 war er als „Oberst Martin“ am sog. „Venlo-Zwischenfall“ (der Entführung von 2 britischen Geheimdienstoffizieren aus den Niederlanden) beteiligt. 1941 erstellte de Crinis ein psychiatrisches Gutachten von Rudolf Heß nach dessen Englandflug, 1945 im Auftrage Walter Schellenbergs ein (auf Filmaufnahmen gestütztes) Gutachten zu Hitler bzgl. einer wahrscheinlichen Parkinson-Erkrankung. Ab 1942 war C. zudem beratender Psychiater der Waffen-SS. Im Mai 1945 töteten sich der Mediziner und dessen Gattin Lily (eine österreichische Schauspielerin ungarischer Herkunft) mit Zyankali. Die Leichen wurden erst 10 Tage später entdeckt und auf dem Stahnsdorfer Friedhof beerdigt. 1995 entschied die Stadt Berlin, den NS-Mediziner in die Stahnsdorfer Anlage für „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ umzubetten, was um 2005 rückgängig gemacht wurde.

1. gedruckte Werke des Autors mit handschriftlicher Widmung.
- Anatomie der Hörrinde als Grundlage des physiologischen und pathologischen Geschehens der Gehörswahrnehmung (Springer Vlg., Berlin 1934; gr.8°, kartoniert, 44 Seiten, s-w-Abb. - Einband fleckig, kleine Randläsur, sonst gut; Widmung auf Einband vorne „Herrn Prof. G. in Dankbarkeit und Verehrung, de Crinis“).
- Aufbau und Abbau der Großhirnleistungen und ihre anatomischen Grundlagen (Karger Vlg., Berlin 1934; gr.8°, kartoniert, 95 Seiten, s-w-Abb. - Bindung gebrochen, Lagen teils fast lose, Einbandvorderdeckel lose und mit Randläsuren, Rückdeckel fehlt; Titelei mit Widmung „Herrn Prof. G. in Ergebenheit und Dankbarkeit. M de Crinis“).
- Gerichtliche Psychiatrie (Heymanns Vlg., Berlin 1938; Sonderdruck aus „Handbücherei für den öffentlichen Gesundheitsdienst“ Bd. 15; 8°, kartoniert, IV und SS. 179-285. - Inhaltsangabe und Titelei broschiert lose, Einband etwas fleckig und mit minimalen Randfehlstellen, sonst gut; 1. Textbltt mit Widmung „S.l.Freunde G. zur Erinnerung an Crinis“).
- Der menschliche Gesichtsausdruck und seine diagnostische Bedeutung (Thieme Vlg., Leipzig 1942; 8°, kartoniert, s-w- und farbige Abb., 71 Seiten - etwas berieben und fleckig, sonst gut; Widmung auf Schmutztitel „S.l.Freunde G. in Dankbarkeit und Verbundenheit. Weihnachten 1942/43. Max“).

2. Postkarten und Briefe aus der Feder des Autors.
- 1936. Postkarte, gelaufen 5.8.1936. Von Crinis und Gattin an G. und Gattin. Gezeigt Schloss Heidecksburg in Rudolstadt. Enthält belanglose Urlaubstexte. Guter Zustand.
- 1943. Maschinenschriftlicher Brief, handunterzeichnet mit „Max“, datiert 14.5.1943. Briefkopf „Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Professor de Crinis“. Crinis verwendet sich für den Sohn des G.. 4°, 1 Blatt. Zustand: Gelocht, 2 Faltfalzen, sonst gut.
- 1944. Maschinenschriftlicher Brief, handunterzeichnet „de Crinis“, datiert 7.9.1944. Briefkopf „Der Direktor der Universitäts-Nervenklinik der Charité“. 8°, 1 Blatt. Crinis schreibt: „Die Jugend ist ja leider ernst geworden und ich bedaure sie, da gerade diese Generation bisher wenig von ihrem Leben gehabt hat. Ich hoffe, daß eure Sorgen in Köln wegen der Kriegslage doch bald zerstreut werden können, und wir das Schwerste überstanden haben. Mit herzlichen Grüßen Dir und deiner Familie, bin ich mit Heil Hitler!, Dein de Crinis“. Zustand. Stockfleckig, gelocht, oben mit angehefteter Büroklammer, eine Faltfalz, sonst gut.

3. Desweiteren ein bemerkenswertes Brieffragment, wohl verfasst bald nach 1945 vom mit de Crinis befreundeten Vater des Zeitzeugen oder der Mutter desselben:
„.. u. unter dem dauerlichen Druck hat er vielleicht getan, wozu es hier nicht gekommen wäre. Aber ich bitte dich, laß die Hände davon. Du verwickelst dich in eine Angelegenheit, die es wirklich nicht .... ist. „Wenn wir den Krieg nicht gewinnen, müssen wir uns das Leben nehmen“ sagte er schon Jahre zuvor. Nun reicht es ja mit den .. und man kann ja doch nicht mehr helfen. Also bitte, laß es laufen. Ich mache mir wirklich Sorgen drum, wäre ja auch nie auf die Sache gekommen, daß du so regen Anteil davon nimmst. Du warst ja auch viel zu jung und wusstest nichts davon. Viel Liebes von Mutti an Alle.“ 8°, 1 Blatt, handschriftlich beschrieben, auf Rückseite ein Rechnungsvordruck des Arztes G. aus den 1940ern - gelocht, sonst gut.

4. Konvolut von ca. 35 Schriftstücken zu de Crinis, aus dem Nachlass des Helmut G., 1990er-Jahre. Da G. als Zeitzeuge mit de Crinis persönlich bekannt gewesen war, sein Vater zudem ein privater Freund des Österreichers war, weiß G. von Dingen, die der Öffentlichkeit bislang unbekannt waren.
- mehrseitiger maschschr. Kopie eines Briefes mit Rezension G.s des Werkes „Maximinian de Crinis“ von Hinrich Jasper (Mathiese Vlg., Husum 1991), datiert 9.11.1992. Lt. G. sei de Crinis immer ein Feind der Euthanasie gewesen, zumindest habe er sich so im Gespräch geäußert.
- Schreiben des Autors Hinrich Jasper an G., dat. 15.1.1993. Jasper antwortet auf eine von G. an ihn geschickte Kopie der oben erwähnten Rezension.
- Mehrseitiges Schreiben des betreuenden Professors des Jaspers, Hubenstorf, an G., dat. 18.1.1993. Auch Hubenstorf antwortet auf G.s Brief an Krüger/Jaspers.
- weitere Kopien diverser Schreiben des G. zu de Crinis, zumeist an einen W. Krüger, 1990er-Jahre. Einmal heisst es: „Max de Crinis hatte meinem Vater gegenüber mehrmals geäußert, daß er mit seiner Frau Lily überein gekommen sei, sich nach einem verlorenen Kriege das Leben zu nehmen. Mein Vater versuchte ihm das auszureden und bot ihm an, ihn wieder in Köln unterzubringen, doch de Crinis lehnte das ab. ... Frau Lily de Crinis war eine reizende anziehende und sehr humorvolle Person. Eine echte Wienerin. ... Wir waren einmal zum Essen verabredet im Bristol [wohl in Berlin]. Sauerbruch, mein Vater, Frau Rust, de Crinis und Frau. Plötzlich sagte Frau de Crinis, die neben mir saß, zu mir: ‘Helmut paß auf, Du kannst was lernen. Da kommt die 2. Frau Sauerbruch, eine Schlange. Achte darauf, wie ich sie begrüße.’ Sie stand auf und lief auf Frau S. zu, umarmte und küsste sie und rief beinahe zu laut, damit ich es auch verstand: ‘Meine liebe Frau Sauerbruch, wie ich mich freue, Sie zu sehen!’. Dann kam sie mit ihr untergehakt zum Tisch zurück und blinzelte mir zu. ... Ich habe im August 1944 noch einige Tage bei de Crinis in einem sehr kultivierten Haus gewohnt. Sie hatten herrliche Stilmöbel aus seinem Elternhaus. So lange ich sie kenne, hatten sie Zwergschnauzer.“
- Foto von 1992 des Grabes der Ehepaares de Crinis auf dem Stahnsdorfer Friedhof.
- Fotos von 1992, gezeigt der ausgegrabene Schädel des de Crinis.
- diverse Schreiben eines W. Krüger zu de Crinis und dessen Tod.
- Brief einer Liselotte Garloff zu de Crinis, datiert 30.3.1994. Diese war langjährige Mitarbeiterin des de Crinis.
- diverse Kopien von Schreiben zu de Crinis, alle von politisch weit rechts stehenden Absendern, 1990er-Jahre.
- Maschschr. Kopie eines Schreibens des G. an die Redaktion von Quick, dat. 25.6.1961, bzgl. einer Artikelserie zur Charité und Ausführungen zu de Crinis.

5. Konvolut von ca. 8 handschriftlichen Briefen und einer Postkarte, 1943-1944. Verfasst von „Theo“, einem Freund des Helmut G.. Je 4°, gelocht. Theo scheint vor seinem Jura-Studium eine Zeit lang im KZ Dachau bei der SS gearbeitet zu haben. Auch de Crinis wird erwähnt. Theo gelingt es, genau wie H. G., den Krieg in der Universität zu verbringen. G. schafft dies durch diverse (wohl mehr oder minder fingierte) Krankheiten und die tatkräftige Hilfe seines Vaters (des Direktors der HNO-Klinik Köln). Lediglich bis 1940 hatte H. einige Zeit bei der Artillerie gedient, war denn aber ausgemustert worden.
- Brief, datiert 22.4.1943. „Lieber Helmut, ich bin heute morgen wieder hier in München gelandet. In Berlin habe ich vieles geschafft. Der Lehrgang ist bestanden und viele sprechen bei richtigen Stellen für mich. Ich danke dir und deinem Herrn Papa herzlichst für die Bemühungen. Ich sprach mit Prof. de Crinis. Er meldete mich bei Standartenführer Schellenberg an. Er hat die Arbtl. VI im SD das ist Abt. Ausland. Kann mir sehr viel nützen. Ich mußte leider abreisen doch in Kürze bin ich wieder in Berlin, dann werde ich Staf. Schellenberg besuchen. Es kann sein, daß ich in Kürze nach Köln komme, dann können wir mündlich weiter sprechen. ...“.
- Postkarte, gelaufen 5.6.1943. Von einem gewissen Theo an Helmut, den Sohn des G.. Gezeigt Zeichnung des Schloß Tirol bei Meran. Mit Briefstempel „SS-Standortskommandantur Dachau, Briefstempel“. „5.6.1943. Lieber Helmut, ich bin gut nach München gekommen und wieder in meine Arbeit vertieft. Kleine und größere Suchen [? Sachen?] habe ich hinter mir. Über Pfingsten fahre ich nach Berchtesgaden, um mich am Königssee ein wenig zu erholen. ... [unles.] recht herzliche Grüße von deinem Theo. Empfehlungen an d. Eltern.“ Das Schreiben ist nicht unterzeichnet, die Handschrift jedoch klar zu erkennen. Verfasst wurde die Karte wohl während eines Arbeitsaufenthaltes des Theo im KZ Dachau. Zustand: Fleckig, gelocht, sonst gut.
- Brief, dat. 12.6.1943. Es schreibt Theo an Helmut, aus Dachau. Leider berichtet er nur von aus Paris stammenden Gütern, die ein Freund mitbringen will.
- Brief, datiert 15.9.1943. Theo berichtet wieder von Gütern aus Paris. Dann: „Die direkte Versetzung zu Schellenberg hat nicht geklappt“.
- Karte, dat. 23.11.1943. Theo studiert nun (wohl Medizin) in Straßburg.
- Brief vom 9.12., Details zu Studium, Urlaub und zu besorgenden Alkoholika.
- Brief vom 27.2.1944. Theo rät Helmut davon ab, sich bei einer Musterung zum Dienst zu melden.
- Brief vom 2.3.1944, Belanglosigkeiten.

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